Beschreibung

Kam­mer­kon­zert und Salon­ge­spräch zum The­ma „Flucht – Ver­fol­gung – Gewalterfahrungen“
(Kon­zert­auf­zeich­nung  — ohne Publi­kum —  vom 14. Janu­ar 2021 in der Vil­la Selig­mann mit

Tehi­la Nini Gold­stein, Sopran
Julia Rebek­ka Adler, Vio­la
Jascha Nem­tsov, Kla­vier

 

P R O G R A M M

Sarah Nem­tsov (geb. 1980) — „heim­weh­ge­fie­dert“ (2020), Acht (schlich­te) Lie­der zu Gedich­ten von Hil­de Domin (Urauf­füh­rung)

Johan­nes Brahms (1833–1897) — Zwei Gesän­ge op. 91

Janot Ros­kin (1884–1946) — Drei jid­di­sche Lieder

Adolf Busch (1891–1952) — Drei Lie­der op. 3a

Ali Gor­ji (geb. 1978) — “recur­rence” (2020) with texts by Mari­am Mee­tra, Emma Kann and Han­nah Arendt (Urauf­füh­rung)

 

Das Salon­ge­spräch zum Kon­zert fin­den Sie auf unse­rem YouTube-Kanal:

Die Vil­la Selig­mann dankt der Stif­tung Nie­der­sach­sen und der NDR Musik­för­de­rung in Nie­der­sach­sen für die För­de­rung die­ses Konzertes.

Die Wer­ke von Sarah Nem­tsov und Ali Gor­ji, die in die­sem Kon­zert zur Urauf­füh­rung kom­men, sind von der Kunst­stif­tung NRW finanziert.

 

L I E D E R T E X T E

Gedich­te von Hil­de Domin (1909–2006), ver­tont in “heim­weh­ge­fie­dert”
Aus: Hil­de Domin, Hier. Gedich­te, S.Fischer Ver­lag GmbH, Frank­furt 1964

I. Schnei­de das Augen­lid ab
Schnei­de das Augen­lid ab: fürch­te dich.
Nähe dein Augen­lid an: träume.

II. Nacht
Man hat mich Tote aufs Was­ser gelegt ich fah­re die Flüs­se hinunter
die Rhô­ne den Rhein den Gua­dal­qui­vir den Hai­fisch­fluß in den Tropen.
Am Meer die Särge.
Ich ohne Mün­ze zwi­schen den Zähnen
Ich trei­be in mei­nem Bett an den barmherzigen
Bewah­rern
gelieb­ter Toter vorbei
über­zäh­lig
unnüt­zer als Treibholz
in den Tag.

III. Immer kreisen
Immer krei­sen
auf dem küh­le­ren Wind hilflos
krei­sen mei­ne Wor­te heim­weh­ge­fie­dert nestlos
einst einem Lächeln ent­ge­gen kei­ner trägt das Leben allein krei­send und kreisend.

IV. Vögel mit Wurzeln
Mei­ne Wor­te sind Vögel mit Wurzeln
immer tie­fer immer höher Nabelschnur.
Der Tag blaut aus
die Wor­te sind schla­fen gegangen.

V. Ruf
Mich ruft der Gärtner.
Unter der Erde sei­ne Blu­men sind blau.
Tief unter der Erde sei­ne Blumen
sind blau.

VI. Tun­nel
Zu dritt
zu viert unge­zähl­te, einzeln
allein
gehen wir die­sen Tun­nel ent­lang zur Tag- und Nachtgleiche
drei oder vier von uns sagen die Worte
dies Wort:
Fürch­te dich nicht, es blüht
hin­ter uns her. 

VII. Nicht müde werden
Nicht müde wer­den son­dern dem Wun­der leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

VIII. Ars longa
Der Atem
in einer Vogel­keh­le der Atem der Luft in den Zweigen.
Das Wort
wie der Wind selbst sein hei­li­ger Atem geht es aus und ein.
Immer fin­det der Atem Zweige
Wol­ken
Vogel­keh­len.
Immer das Wort das hei­li­ge Wort einen Mund.